Überqualifikation am Arbeitsplatz

Warum sollten Sie sich für eine Stelle bewerben, für die Sie überqualifiziert sind und wie überzeugen Sie den Personaler von dieser Idee?
Es muss nicht immer negative Folgen haben, wenn Sie auf der Karriereleiter eine Stufe nach unten wandern. In einigen Fällen kann es durchaus Sinn machen. Wir verraten Ihnen, warum es manchmal auch seine Vorteile hat, sich für eine Stelle zu bewerben, für die man überqualifiziert ist.

Gründe und Argumente für eine Bewerbung bei Überqualifikation

1. Der Einstieg in Ihr Traumunternehmen

Ausgangssituation 1: Stellen Sie sich vor, Sie haben soeben Ihr Studium der Kommunikationswissenschaften abgeschlossen und Ihr Traum ist es, im Redaktionsteam eines Fernsehsenders als Journalist(in) zu arbeiten. Aber hunderte anderer begabter, junger Hochschulabsolventen haben garantiert genau denselben Traum.

Lösung: Wenn es schwierig ist, direkt in die gewünschte Position in Ihrem Wunschunternehmen einzusteigen, können Sie zunächst eine andere Stelle anvisieren, für die Sie überqualifiziert sind. So haben Sie zumindest den ersten Fuß in der Türe des Unternehmens und haben die Möglichkeit, sich zu Ihrem eigentlichen Traumjob hochzuarbeiten. Aber Vorsicht: Bewerben Sie sich nur, wenn Sie sich sicher sind, dass Sie innerhalb des Unternehmens aufsteigen können.

Argumente für den Arbeitgeber: Am besten legen Sie beim Bewerbungsgespräch die Karten offen auf den Tisch. Wenn Sie nach Ihrer Motivation für die Bewerbung gefragt werden, dann sagen Sie ganz ehrlich, dass Sie hochmotiviert sind, weil Sie darin eine Chance sehen, sich auf Ihre Wunschposition in Ihrem Traumunternehmen hochzuarbeiten. Das zeugt davon, dass Sie nicht davor zurückscheuen, hart zu arbeiten, um über kurz oder lang jene Stelle zu erlangen, von der Sie träumen. Als zusätzliches Argument können Sie einbringen, dass Sie auf diesem Weg das Unternehmen, die Abläufe, die Strukturen und die Kultur bereits kennenlernen können, um dieses Wissen dann auch für die neue Stelle zu nutzen.

 

2. Etwas kürzer treten

Ausgangssituation 2: Sie arbeiten seit Jahren als Risikomanager/in bei einem amerikanischen multinationalen Konzern. Nun sind Sie Mutter oder Vater geworden und merken, dass sich Ihre Prioritäten geändert haben. An Stelle von langen Arbeitstagen, stundenlangem Pendeln und dem Lebensziel, die Karriere voranzutreiben, möchten Sie nun eher mehr Zeit mit der Familie verbringen und berufliche Abstriche machen.

Lösung: Auch in diesem Fall kann eine Bewerbung für eine Abhilfe schaffen, für die Sie überqualifiziert sind die Ihnen aber mehr Freiheiten einräumt. Durch ein kleineres, lokaleres Unternehmen in Ihrer Nähe ersparen Sie sich lange Anfahrtszeiten und wenn Sie dort keine Managerposition mehr haben, verkürzen sich damit vielleicht auch die überlangen Arbeitstage zu regulären, planbaren Arbeitszeiten.

Argumente für den Arbeitgeber: Unsere Prioritäten verändern sich im Laufe unseres Lebens. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Auch hier kommen Sie mit Ehrlichkeit am Weitesten: Erwähnen Sie, dass Sie nach einer Stelle gesucht haben, die sich mit Ihren Kenntnissen und Fähigkeiten deckt, die Ihnen aber auch genügend Freiräume lässt. Der neue Arbeitgeber versteht bestimmt, dass Zehn-Stunden-Tage plus ein einstündiger Anfahrtsweg morgens und abends nicht unbedingt mit einer Familie kompatibel sind.  Immerhin ist es ein guter Grund, sich für eine Stelle unter Ihrem Qualifikationsniveau zu bewerben. Und im schlimmsten Fall: Sollte er es nicht verstehen, ist die ausgewählte Firma vermutlich auch nicht die richtige für Ihre Zielsetzung.

 

3. Sprungbrett zu einer neuen Karriere

Ausgangssituation 3:  Sie haben Wirtschaftswissenschaften studiert, wie sich Ihre Eltern das immer gewünscht haben, aber Sie haben im Herzen immer schon davon geträumt, als Koch/Köchin zu arbeiten.

Lösung: Bei radikalen beruflichen Veränderungen kann es sinnvoll sein, sich vielleicht um einen Wochenendjob zu bewerben. In diesem Fall: als Assistent bei einem Koch. So sammeln Sie Erfahrung auf dem Gebiet, für das Sie sich interessieren, und zugleich zeigen Sie Ihren künftigen Arbeitgebern, dass Sie ernsthaft zum Einstieg in eine neue Laufbahn entschlossen sind.

Argumente für den Arbeitgeber: Das Zauberwort heißt hier: Bescheidenheit und harte Arbeit. Nur, weil Sie ein abgeschlossenes Hochschulstudium mitbringen und in der entsprechenden Branche bereits gearbeitet haben, bedeutet das nicht, dass Sie als Quereinsteiger in einem anderen Beruf ebenfalls in einer höheren Position einsteigen. Der Wille, in einer assistierenden Stelle einzusteigen und den Beruf von Grund auf zu erlernen, spricht in diesem Fall für Sie. Erklären Sie dem Arbeitgeber Ihren neuen Karrierewunsch und die Bereitschaft, dafür auch Gehaltseinbußen in Kauf zu nehmen. Wenn Sie wirklich von dem neuen Karriereweg überzeugt sind, dann lässt sich mit dieser Motivation auch der Arbeitgeber überzeugen.

 

4. Der Weg aus der Arbeitslosigkeit

Ausgangssituation 4: Stellen Sie sich vor, Sie sind schon länger arbeitslos. Theoretisch würden Sie gerne als Bankettmanager in einem Hotel arbeiten, da Sie in diesem Bereich schon Jahre Berufserfahrung mitbringen und bestens dafür ausgebildet sind. Seit mehreren Monaten sind in diesem Bereich jedoch keine Stellen ausgeschrieben.

Lösung: Flexibilität kann Ihnen in dieser Situation helfen. Vielleicht wäre es für den Übergang eine Lösung, sich nach einer weniger qualifizierten Stelle umzusehen. Auch in anderen Bereichen können Sie Erfahrungen sammeln, wie zum Beispiel in der Event-Abteilung eines großen Unternehmens. Außerdem könnten Sie in der Meetingorganisation diverser Firmen tätig werden. Der Vorteil für Sie ist, dass Sie die Arbeitslosigkeit hinter sich lassen und wieder ein Einkommen beziehen. Außerdem ist es in der Regel einfacher, eine passendere Stelle zu finden, wenn Sie bereits in Arbeit sind, als wenn Sie arbeitslos sind.

Argumente für den Arbeitgeber: Hier macht es wenig Sinn, komplett ehrlich zu sein, und dem neuen Arbeitgeber zu sagen, dass die Stelle für Sie nur eine Übergangslösung ist. Fokussieren Sie sich stattdessen auf das Positive: Erwähnen Sie, dass Sie auch in einem verwandten Bereich Erfahrungen sammeln wollen. Der Vorteil für den Arbeitgeber liegt darin, dass Sie bereits mit Berufserfahrung einsteigen und damit die Herausforderung antreten, Ihr Wissen in einem anderen Bereich bestmöglich einzusetzen und an den neuen Aufgaben zu wachsen.

 

5. Der Weg zurück von einer Führungsposition

Ausgangssituation 5: Viele träumen am Beginn ihrer Karrierelaufbahn vom großen Ziel einer Führungsposition. Verantwortung, Mitarbeiter führen, ein entsprechend hohes Gehalt – vieles spricht für eine Führungsrolle. Nicht jeder fühlt sich in dieser Position jedoch langfristig wohl. Denn irgendwann überwiegt vielleicht auch die Schattenseite der Managementrolle: der enorme Zeitaufwand. Verantwortung zu übernehmen bedeutet in vielen Fällen auch, ständig erreichbar zu sein, Überstunden werden oft zum Normalfall und irgendwann stellt man sich die Frage, wie lange man das Privatleben und die Freizeitgestaltung derart auf Eis legen möchte.

Lösung: Wer nicht länger den Stressfaktoren einer Führungsrolle ausgesetzt sein möchte und danach strebt, einen geregelten Tagesablauf zu haben, kann sich nach Stellen umsehen, die zwar den persönlichen Stärken entsprechen, die einem aber weniger abverlangen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei jedoch um Stellen, für die Sie überqualifiziert sind. Denn wer einmal Führungsaufgaben übernommen hat, übertrifft meist die Anforderungen anderer Stellen. Das sollte jedoch kein Hindernis sein. Überlegen Sie sich, in welcher Position Sie sich stattdessen wohlfühlen würden und bewerben Sie sich einfach dafür. Downshifting ist das Zauberwort, das Ihnen mehr Zeit für Ihr Privatleben gibt.

Argumente für den Arbeitgeber: Dem neuen Arbeitgeber klar zu machen, weshalb man zukünftig auf eine Führungsrolle verzichten möchte, ist nicht immer einfach. Hier kann es Sinn machen, ehrlich zu sagen, dass sich Ihre Prioritäten geändert haben. Sie können außerdem anmerken, dass jene Tätigkeiten, die Sie vor Ihrer Führungsposition ausgeübt haben, jene waren, die Ihnen am meisten Spaß gemacht haben (sofern das auch die Tätigkeiten sind, mit denen Sie bei der neuen Stelle betraut sind). Wenn Sie damit argumentieren, dass die Führungsstelle zwar der logische nächste Schritt für Sie war, Sie dadurch aber nur noch wenig Zeit für jene Aufgaben hatten, denen Sie immer am liebsten nachgegangen sind, ergibt sich der Rückschritt auf der Karriereleiter als logische Konsequenz, die auch für den Personaler nachvollziehbar ist.

 

Tipps & Tricks für die Bewerbung

✓ Versuchen Sie bereits im Anschreiben bei der Beschreibung Ihrer Kompetenzen und Stärken nicht zu dick aufzutragen und erwähnen Sie vorrangig nur jene, die auch für die Stelle relevant sind. Dadurch sieht der neue Arbeitgeber nicht auf den ersten Blick, dass Sie überqualifiziert sind.

✓ Im Lebenslauf ist das schon etwas schwieriger, denn der chronologische Aufbau setzt voraus, dass Sie alle Anstellungen und Berufserfahrungen auflisten. Auch hier kann es jedoch Sinn machen, durch fettgedruckte Hervorhebungen den Blick des Arbeitgebers auf jene Teilaspekte Ihrer Arbeit zu lenken, die für die neue Position relevant sind. Das hat außerdem den Vorteil, dass jene Teilaspekte, die sie überqualifiziert erscheinen lassen ein wenig in den Hintergrund rücken.

✓ Im Bewerbungsgespräch empfiehlt es sich, genauer auf Ihre Motivation einzugehen und auch vorherige Anstellungen nicht allzu sehr zu thematisieren. Machen Sie dem Personaler klar, weshalb Sie sich für die Stelle beworben haben und wieso Sie die Aufgaben interessieren. Dann wird auch die Überqualifizierung ein wenig zum Nebenthema.

 

Vorurteile gegen überqualifizierte Bewerber und wie Sie diese aus dem Weg räumen

Neben diesen situationsbedingten Argumenten, die Sie gegenüber einem potentiellen Arbeitgeber vorbringen können, gibt es noch andere Vorurteile, die auf Sie zukommen könnten. Diese sind meist unabhängig von Ihrer persönlichen Situation und werden oft im Falle von überqualifizierten Bewerbern als Absagegrund herangezogen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie richtig kontern und am besten gleich in Ihren Bewerbungsunterlagen klarstellen, dass sie auf Sie nicht zutreffen:

 

Vorurteil 1: Überqualifizierte Bewerber sind zu teuer.

Oft haben Arbeitgeber die Befürchtung, Ihnen viel zu viel zahlen zu müssen, weil Sie über mehr Qualifikationen verfügen, als für die ausgeschriebene Stelle gefordert werden. Dieses Argument ist aber leicht aus der Welt zu schaffen. Wenn Sie sich bewusst für eine Stelle entscheiden, für die Sie überqualifiziert sind, haben Sie vermutlich Ihre Gründe dafür (mehr Zeit für die Familie oder Freizeit, Einstieg in Ihr Traumunternehmen, weniger Stress, Sprungbrett zu einer neuen Karriere, etc.). Und wenn es wirklich das ist, was Sie wollen, müssen Sie auch die Konsequenz daraus ziehen und sich mit einem geringeren Gehalt zufriedengeben. Wie bringen Sie diese Tatsache jedoch auch stimmig in Ihre Bewerbungsunterlagen/Bewerbungsmappe? Am leichtesten ist es, wenn ohnehin bereits im Stelleninserat nach Ihren Gehaltsvorstellungen gefragt wird. In diesem Fall orientieren Sie sich einfach nach den marktkonformen Gehältern und zwar jene, die sich an der Position orientieren und nicht jene, die Sie für Ihre Ausbildung und Berufserfahrung normalerweise erhalten würden. Sollten Sie im Stelleninserat nicht nach Ihrem Gehaltswunsch gefragt werden, müssen Sie die Information geschickt in einem Satz verpacken – am besten in Zusammenhang mit Ihrer persönlichen Motivation. Hier ein Beispiel:

Bisher zählten ein hohes Gehalt und Führungsaufgaben zu meinen beruflichen Zielen. In den letzten Monaten habe ich jedoch für mich festgestellt, dass sich meine Prioritäten geändert haben. Daher bin ich nun auf der Suche nach einer Tätigkeit, für die ich mich wirklich begeistern kann und die mich erfüllt und genau diese habe ich in Ihrem Stelleninserat gefunden.“

 

Vorurteil 2: Überqualifizierte Bewerber langweilen sich schnell.

Dieses Vorurteil wird von Personalern zwar oft nicht offen ausgesprochen, aber es schwebt ihnen dennoch oft im Hinterkopf. Wir empfehlen Ihnen daher, auch in Ihrer Bewerbung nicht direkt dazu Stellung zu beziehen, sondern über einen kleinen Umweg klar zu machen, dass das auf Sie nicht zutrifft. Am besten geht das, indem Sie deutlich Ihre Motivation klarmachen, die hinter der Bewerbung steckt. Erklären Sie, was Sie an der Stelle reizt, in welchen Tätigkeiten Ihre Leidenschaft steckt und weshalb genau Sie diese Position füllen möchten. Wenn Ihnen das gelingt, wird beim Personaler auch nicht der Gedanke aufkommen, dass die Stelle langweilig für Sie sein könnte.

 

Vorurteil 3: Überqualifizierte Bewerber sehen die Stelle nur als Übergangsjob.

Auch im Kampf gegen dieses Vorurteil kann es helfen, Ihre Motivation genau zu begründen. Stellen Sie sicher, dass der potentielle neue Arbeitgeber das Gefühl hat, Sie möchten diesen Job nicht nur für ein paar Monate ausüben und dann bereits nach der nächsten Stelle Ausschau halten. Der Bewerbungsprozess ist für Unternehmen meist ein langwieriger Prozess, für den sich Mitarbeiter abstimmen müssen, für den Geld ausgegeben wird, um die nötigen Inserate zu schalten, vom Zeitfaktor für die Sichtung der Bewerbungen, Bewerbungsgespräche und die letztendliche Entscheidung ganz zu schweigen. Klar möchte der Arbeitgeber dann auch sicherstellen, dass Sie auch längerfristig im Unternehmen tätig sein werden. Am besten vermitteln Sie Loyalität, indem Sie hervorheben, weshalb die Firma für Sie den idealen Arbeitsort darstellt und was Sie an den Aufgaben der ausgeschriebenen Stelle reizt.

 

Vorurteil 4: Überqualifizierte Bewerber sind faul und möchten sich in einer niedrigeren Anstellung ausruhen.

Dieses Vorurteil wird Ihnen vermutlich kein Arbeitgeber offen ins Gesicht sagen. Denken kann er es aber trotzdem. Um dieser falschen Annahme entgegenzuwirken, müssen Sie die Gründe für Ihre Entscheidung auspacken. Wenn es Ihnen beispielsweise darum geht, mehr Zeit mit Ihrer Familie zu verbringen, sagen Sie das auch so. Haben Sie erst nach 20 Jahren in einer Branche gemerkt, dass Ihr Herz für eine andere Tätigkeit schlägt, dann ist das eben so. Jeder Mensch hat das Recht, seine Prioritäten selbst zu setzen und diese auch im Laufe seines Lebens neu anzupassen. Wichtig ist nur, dass Sie es gut begründen, damit nicht andere Motive vom Personaler angenommen werden. Und wie schon vorhin erwähnt: Sollte der Arbeitgeber dies gar nicht verstehen, ist er vielleicht auch nicht der richtige Arbeitgeber für Sie.

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Bildnachweis: jhorrocks/ Quelle: istockphoto.com

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