INTERVIEW: Beraterin Jaksche über das Arbeiten bis Mitternacht und schlechte Bewerbungen.
Die Presse: In Ihren Beratungsgesprächen sagen Sie, dass Frauen zu bescheiden sind und sich in Bewerbungsgesprächen schlecht verkaufen. Warum ist das eigentlich so?
Cornelia Jaksche: Weil Frauen ihre Leistungen oft gering schätzen und nicht selbstbewusst, als überdurchschnittliche Leistungsträger auftreten. Und weil Frauen komplexere Lebenssituationen leben: Frau im Beruf, Frau als Mutter, Frau als Partnerin, Frau als Familienorganisator - und alle Rollen optimal ausfüllen wollen. Männer fokussieren oft stärker auf ihren Beruf, das wird von Vorgesetzten wahrgenommen und bringt Vorteile.
Sind die Frauen selbst schuld, wenn sie nicht die Karriereleiter hinaufkommen?
Jaksche: Ja, auch das. Aber die Auswahl der Kandidaten für Spitzen-Jobs hängt von Top-Management und Eigentümern ab. Heute sind das großteils Männer, deren Vorstellung von Frauen in Spitzenpositionen sehr unterschiedlich ist. Außerdem sind im Top-Management gewisse Rollen-Erwartungen zu erfüllen, darauf sind Frauen oft schlechter vorbereitet.
Welche Rollen-Erwartungen etwa?
Jaksche: Dass rasche Entscheidungen getroffen werden. Viele männliche Führungskräfte wählen A und denken nicht lang über B nach. Frauen überlegen zum Beispiel noch, welche soziale Auswirkung ihre Wahl haben könnte. Oder: Männer verbringen fünf Abende hintereinander mit Kunden, Frauen besuchen am Wochenende kaum zwei Tennisturniere und knüpfen Kontakte. Weil immer noch sie, nicht die Männer mehrheitlich den Haushalt machen.
Warum ist in Österreich nur jeder zehnte Manager weiblich, obwohl Experten sagen, dass mehr Frauen in Führungspositionen den Unternehmen mehr Ertrag brächten?
Jaksche: In Österreich dominieren noch klassische Rollenverteilungen. Die Frau arbeitet nebenher - diese Vorstellung gibt aber kaum jemand zu, sie wird nicht einmal in Frage gestellt oder überdacht.
Welche Vorbildung sollte eine Frau mitbringen, damit sie reüssiert?
Jaksche: Ich sehe das nicht als Frage der Vorbildung. Wichtig ist der ernsthafte Wunsch, Karriere zu machen, und sich dessen bewusst zu sein, dass man dafür auch auf einiges wird verzichten müssen.
Muss eine Frau beruflich mehr leisten als ein Mann?
Jaksche: Ja. Frauen müssen überdurchschnittliche Leistung bringen und diese gut verkaufen, um Karriere zu machen. Darüber hinaus müssen sie, um in Top-Positionen zu kommen, lernen, mit Macht umzugehen. Dazu fehlt es ihnen aber meist an Vorbildern.
In welchen Branchen haben Frauen künftig die besten Chancen, in Spitzenpositionen zu gelangen?
Jaksche: Kurz- bis mittelfristig, aus heutiger Sicht, in Dienstleistungsberufen. Weil Frauen darin sozialisiert und am ehesten anerkannt sind: wegen ihrer Service- und Kundenorientierung, weil sie dort auf die Beteiligung vieler achten können und sollen und zahlreiche Faktoren im Kopf haben - zumindest schreibt man ihnen das zu.
Wie realistisch ist es, dass die Einkommen von Frauen und Männern bald gleich hoch sind?
In Österreich verdienen die Frauen ja derzeit um 18 Prozent weniger.
Jaksche: Man wird's erreichen müssen. Allerdings sind die Bilder in den Köpfen männlicher Führungskräfte nicht so schnell zu verändern, wie jene von der Frau als Mutter, die nebenbei ein bisschen arbeitet. Und wenn es zum Beispiel um Überstunden-Entgelte geht, sagen Männer bei Bewerbungen eher, dass sie zu 100 Prozent zur Verfügung stehen, während es bei Frauen heißt: Kinder, Mann, Kochen, Haushalt.
Frauen mit Kindern verdienen im Schnitt weniger als Frauen ohne Kinder. Eine Konkurrenz unter Frauen, Mütter gegen Kinderlose?
Jaksche: Hier wird eine Konkurrenzsituation herbeigeredet. Gehälter werden verglichen, und dadurch entsteht das Bild, dass Frauen mit Kindern einfach schlechter verdienen. Dahinter stehen aber meist auch unterschiedliche Berufsbilder. Frauen ohne Kinder können andere Berufe ausüben. Eben alle jene, die zeitlichen Einsatz erfordern, der übers Familienleben hinausgeht.
Was wäre ein Erfolgsbeispiel für eine berufstätige Mutter, wie würde ihre Karriere optimal verlaufen?
Jaksche: Es gibt kein Patentrezept. Für Managementpositionen muss man früh im Berufsleben überdurchschnittliche Resultate vorweisen. Für viele Frauen sollte daher der erste berufliche Erfolg vor der Karenz liegen. Es gibt allerdings auch dazu Gegenbeispiele von sehr leistungsfähigen Frauen.
Bei Frauen geht die Work-Life-Balance eher zu Lasten des Privatlebens als bei Männern. Sind die Frauen selbst schuld, wenn sie bis Mitternacht im Büro sitzen?
Jaksche: Ja. So wie Männer, die das tun. Ich denke, sie haben selbst die Entscheidung darüber getroffen.
Aber: Es ist wohl nicht einfach, die Rollen der Mutter, Ehefrau oder Partnerin, Hausfrau und Karrierefrau gleich gut auszufüllen. Das braucht großen persönlichen Einsatz und Organisationstalent.
Was sollte sich die österreichische Politik von ausländischen Modellen abschauen, damit Kind und Karriere kein Widerspruch sind?
Jaksche: Leistbare, flächendeckende Kinderbetreuung wie in Schweden, Finnland oder Frankreich.
Gibt es den Mann schon, der keine weibliche Führungskraft fürchtet?
Jaksche: Ja. Ich habe nicht nur einen von ihnen kennen gelernt.
(VON REGINA PÖLL / Die Presse )
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