Tipps für Wechselwillige
Viele Menschen scheuen den Neuanfang und bleiben lieber frustriert in einem ungeliebten Job. Damit bringen sie sich um Lebensfreude und gefährden ihre Gesundheit, warnen Personalberater übereinstimmend. Und sie versprechen: Jobwechsel ist gar nicht so schwer. Vorausgesetzt, man weiß, was man kann und wonach man sucht.
Gründe für einen Jobwechsel
Geld, Karriere, Kündigungsgefahr, Langeweile oder Mobbing und Stress im Beruf: Es gibt viele Gründe für einen Jobwechsel. Rund 60 Prozent aller Arbeitnehmer haben keinen Spaß am Job, fand die Unternehmensberatung Gemini Consulting im Rahmen einer Studie heraus. 67 Prozent fühlen sich von ihrem Chef nicht akzeptiert, bei 80 Prozent kommt das Privatleben zu kurz.
Hoffnung auf besseres Einkommen
Fach- und Führungskräfte, die mit einem Jobwechsel liebäugeln, hoffen mit 88 Prozent in erster Linie auf ein besseres Einkommen, geht aus einer Umfrage des Münchner geva-Instituts hervor. Verbesserungen in Sachen Führungsstil, Kommunikation am Arbeitsplatz, Leistungsbeurteilung und Unternehmenspolitik erwarten jeweils 80 bis 85 Prozent der potenziellen Jobwechsler. Die Arbeitsbelastung spielt mit 65 Prozent ebenfalls eine wichtige Rolle.
Wenn der Job keinen Spaß mehr macht ...
Wenn der Job keinen Spaß mehr macht, sei es höchste Zeit, sich nach einer neuen Herausforderung umzusehen, raten Personalexperten unisono. Als Alarmzeichen, die einen Jobwechsel geradezu herausfordern, gelten neben der inneren Kündigung auch organisatorische Veränderungen wie Fusionen oder Sanierungen. "Begehen Sie nicht den Fehler, darauf zu vertrauen, dass jemand an Sie denken wird", warnt Franz-Josef Nuß, Consultant bei Roland Berger und Partner in München: "Seien Sie selbst aktiv und beanspruchen Sie Ihren Platz."
Verharren ist keine Lösung
Selbst wer keine Topkarriere anstrebt, sollte sich davor hüten, dauerhaft in einer ungeliebten Position zu verharren. Dazu ist die Zeit, die wir im Job verbringen, einfach zu lang. "Handeln statt warten" ist also gefragt. Denn wer Probleme vor sich herschiebt, bis er keine Wahl mehr hat, auf Veränderungen zu reagieren, ist strategisch immer im Nachteil. Besser ist, sich beizeiten aktiv mit der Situation auseinander zu setzen und Schwierigkeiten als Herausforderungen zu begreifen, die es anzunehmen gilt.
Der Portfolioarbeiter
Die so genannte New Economy, die neue wirtschaftliche Situation im Zeichen von Globalisierung und Fusionen fordere die Menschen mehr denn je heraus, immer wieder Bilanz zu ziehen und neue Wege zu beschreiten. Davon ist die Frankfurter Karriereberaterin Monika Becht überzeugt. "Der Portfolioarbeiter der Zukunft wird bis zu seinem beruflichen Rückzug drei Karrieren durchlaufen und etwa neunmal die Jobs gewechselt haben", so die Prognose. "Zudem verlagern sich die klassischen Karrierepfeiler, was den Zeitpunkt für Ein-, Um- und Aufstieg anbetrifft. Aus- und Weiterbildung, Job- und Berufswechsel oder auch Zeiten der Selbständigkeit wechseln einander künftig in ganz unterschiedlichen Lebensphasen ab."
Angst vor dem Ungewissen
Dennoch wagen viele Menschen den Schritt in die Veränderung nicht rechtzeitig. Die Angst vor dem Ungewissen ist zunächst größer als der Leidensdruck. "Erfahrungsgemäß ist das ein Prozess von einigen Jahren", weiß Becht: "Die ersten Anzeichen von Unzufriedenheit werden übergangen nach dem Motto: Das war nur so eine Stimmungssache. Auch der nächste Ärger wird heruntergeschluckt, weil man vielleicht nicht objektiv war." Irgendwann haben sich dann so viele negative Erfahrungen angesammelt, dass plötzlich gar nichts mehr geht. Folge des jahrelangen Gefühlsstaus: Eines Tages wollen die Betroffenen auf der Stelle kündigen und zum erstbesten Job greifen, der sich bietet.
Überstürzte Entscheidungen
Derart überstürzte Entscheidungen sind allerdings oftmals kein Ausweg aus dem Dilemma, warnt Personalberaterin Becht. Um folgenschwere Fehlentscheidungen zu vermeiden, sei es ratsam, Chancen und Risiken im Vorfeld des Jobwechsels sorgfältig abzuwägen, betont Becht:
Mit diesen grundlegenden Fragen sollten sich potenzielle Jobwechsler im Vorfeld gründlich auseinander setzen und sich klar machen: "Ziele liegen nicht immer um die Ecke, manchmal müssen etliche Brücken geschlagen und Hürden genommen werden, um sie zu erreichen."
Gründliche Selbsteinschätzung
Jede Veränderung setzt eine gründliche Selbsteinschätzung voraus. Doch viele Menschen wüssten gar nicht genau, was sie wirklich gut können, stellt Becht fest: "Sie haben nur ein vages Gefühl, dass mehr in ihnen steckt, besitzen aber keinen persönlichen Kompass für ihre beruflichen und persönlichen Ziele." Ursache für die Orientierungslosigkeit sei die oftmals nur sehr grobe Bewertung unserer Fähigkeiten bei der Berufswahl nach dem Motto: Sabine kann gut mit Zahlen umgehen, also wird sie Buchhalterin oder sie studiert Mathematik. Peter kann gut reden, also wird er Lehrer oder Verkäufer. Dabei werde die Bedeutung der fachlichen Kompetenz oft überschätzt, meint Becht. Die Beraterin ist davon überzeugt, "dass wir nicht unbedingt auch gerne tun, was wir gut beherrschen". Das alte Sprichwort "Schuster, bleib bei deinen Leisten" wirke nachhaltiger, als es das rasante Tempo der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt vermuten lasse, so Becht:"Die Überzeugung, sich nicht vom eigenen Handwerk entfernen zu dürfen, bremst die Wünsche nach Veränderung."
Vergessen Sie Ihre Berufsbezeichnung
Um den eigenen Stärken auf die Spur zu kommen, rät der amerikanische Karriereberater Richard Bolles: "Vergessen Sie Ihre Berufsbezeichnung und definieren Sie sich als Mensch, der dieses und jenes kann." Dabei sollten weniger die fachlichen Kenntnisse im Mittelpunkt stehen als vielmehr übergreifende Fähigkeiten wie Analysieren, Motivieren, Organisieren und Beraten, die in unterschiedlichsten Bereichen einsetzbar sind. Im zweiten Schritt gehe es darum, sich entsprechende berufliche Ziele zu stecken, bei denen die "Augen zu leuchten beginnen", betont der Harvard-Absolvent. Menschen, die in ihrem Job unzufrieden sind, gebe es genug, stellt Bolles fest. Das Ziel müsse jedoch sein, einen Job zu finden, der nicht nur Geld, sondern auch Spaß bringt.
Wer seinen Traumjob noch nicht gefunden hat, sucht mit der falschen Methode. So lautet Bolles provokante These. Sein erstmals 1975 in den USA erschienenes Buch (Originaltitel: What Color Is Your Parachute?) wurde weltweit bisher mehr als sechs Millionen Mal verkauft. Je genauer jemand weiß, was er will, desto eher findet er es auch. Ausgangspunkt für Bewerbungsaktivitäten sei nicht der Arbeitsmarkt, sondern der Jobsuchende mit seinen Fähigkeiten und Neigungen: Was haben Sie zu bieten? Wo möchten Sie Ihre Fähigkeiten einsetzen? Das sind die entscheidenden Fragen bei der Jobsuche, die Bolles als Teil der Lebensplanung begreift.
Gehaltssprung
Grundsätzlich sollte mit jedem Jobwechsel auch ein Gehaltssprung verbunden sein, so die einschlägigen Empfehlungen. Mindestens ebenso wichtig sei allerdings ein Zuwachs an Verantwortung, etwa für eine größere Zahl von Mitarbeitern, mehr Umsatz oder ein größeres Budget, betont Wolfgang Lichius, Mitglied der Geschäftsführung und Partner der Kienbaum Executive Consultants GmbH. Insofern bringe der Wechsel aus einem Großunternehmen in einen mittelständischen Betrieb oftmals Vorteile, die vielfach unterschätzt würden: "Während Manager in Großkonzernen selbst auf der zweiten Führungsebene häufig noch ein ziemlich begrenztes Aufgabengebiet haben, sind mit vergleichbaren Positionen in kleineren Firmen meist weitreichende Verantwortlichkeiten verbunden."
Arbeitsklima
Klare Ziele und möglichst viele Informationen über die anzusteuernde Branche und das Wunschunternehmen sind in jedem Fall das Fundament einer erfolgversprechenden Karrierestrategie. Dabei reiche es kaum aus, sich Geschäftsberichte oder Firmenbroschüren schicken zu lassen, betont Berufsfinderin Glaubitz. Schließlich sei gerade das Arbeitsklima ein häufiger Grund für den Jobwechsel. Doch darüber geben die Hochglanzbroschüren der Firmen kaum Auskunft: "Am besten ist es immer, sich Leute zu suchen, die schon mal in dem angepeilten Unternehmen gearbeitet haben und aus eigener Erfahrung etwas über das Betriebsklima und die Strukturen in dem jeweiligen Betrieb sagen können", rät die Berufsberaterin.
Kontakte
Doch was tun, wenn man keine entsprechenden Kontakte hat? Derartige Ausreden lässt die Berufsberaterin nicht gelten. "Ob Helmut Kohl oder Boris Becker - man kann jeden Menschen auf der ganzen Welt mit maximal vier persönlichen Kontakten erreichen. Schließlich gibt es immer und überall jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt", ist Glaubitz überzeugt. Andere Wege ließen sich etwa einschlagen, indem man vor der Bewerbung an einer Tauchschule erst mal einen Kurs in dem betreffenden Institut belege. Ebenfalls wichtig sei, möglichst schon im Vorfeld festzustellen, welche Art von Weiterbildung für den Start in den neuen Job nützlich sein könnte.
Irrtümer korrigieren
Wer schon kurz nach dem Start merkt, dass er beruflich auf das falsche Pferd gesetzt hat, sollte den Job so schnell wie möglich wieder aufgeben, empfiehlt Nuß. Begründung: "Wenn jemand seinen Fehler schnell erkennt und konsequent handelt, ist das in jedem Fall besser, als in einer unpassenden Position zu verharren, die keine Perspektiven bietet." Braucht jemand hingegen ein ganzes Jahr oder länger, um seinen Fehlgriff als solchen zu erkennen, erweckt das eher Zweifel an seinen Fähigkeiten. Motto: "So lange haben Sie dazu gebraucht, Ihren Fehler zu erkennen?"
Tipps für Wechselwillige
Timing: Wer zu früh wechselt, gerät schnell in den Ruf, ein wenig zuverlässiger Jobhopper zu sein. Wer zu lange an einer aussichtslosen Stelle klebt, schafft den Absprung oftmals nie.
Karrieresprünge: Hüten Sie sich vor Positionen, denen Sie fachlich oder persönlich nicht gewachsen sind. Selbstüberschätzung kann schnell zum Verhängnis werden - etwa wenn bewährte Spezialisten plötzlich Führungsaufgaben ansteuern.
Konkurrenzkampf: Aufsteiger müssen mit Neid und Intrigen rechnen, vor allem wenn sie innerhalb des eigenen Unternehmens nach oben streben. Akzeptanz und Respekt erwirbt, wer von Anfang an eine klare Linie zeigt.
Beziehungen: Bei Amigoverträgen ist äußerste Vorsicht angebracht. Kollegen und Mitarbeiter nutzen jede Schwäche gnadenlos aus, wenn der Eindruck entsteht, Sie hätten Ihre neue Stelle allein dem Vitamin-B-Komplex zu verdanken. Prahlen Sie also nicht mit guten Kontakten.
Geldgier: Widerstehen Sie der Versuchung, für ein Spitzengehalt eine Stelle anzunehmen, die eigentlich nicht in Ihr Karriere- und Lebenskonzept passt. Wer sich selbst untreu wird, ist selten erfolgreich.
Alternativen: Setzen Sie nicht alles auf eine Karte. Wer sich kein Scheitern leisten kann, setzt sich selbst unter Druck, macht Fehler und neigt zum Duckmäusertum.
Netzwerke: Brechen Sie die Brücken zur alten Firma und früheren Arbeitgebern nicht einfach ab. Kontakte sind Gold wert, um sich in der Branche einen Namen zu machen.
Diplomatie: Falls Sie sich bei der Kündigung über Ihren früheren Arbeitgeber geärgert haben, behalten Sie es möglichst für sich. Wer über andere herzieht, macht sich meist viele Feinde, aber wenig Freunde. Schließlich trifft man sich im Job immer zweimal. (Quelle: Dagmar Sobull/ Quelle: Psychologie Heute)
Weiter Tipps vom Personalberater:
www.personalberatung.at
© StepStone 2010