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Motivator oder Schmerzensgeld?

Der Bewerber hat endlich sein Traumunternehmen gefunden, die Interviewrunden inklusive Assessment Center bravourös gemeistert und einen nach objektiven Gesichtspunkten tollen Dienstvertrag plus Audi A6 - Armaturenbrett in Wurzelholzdesign versteht sich von selbst - ausverhandelt. Dem Karriereglück steht nichts mehr im Wege - oder doch?

Kein dauerhaftes Glück
Es ist wie bei privaten Partnerschaften - nur wenige können auf ein dauerhaftes Glück vertrauen, denn eine Vielzahl von Dienstverhältnissen zerbricht im ersten Jahr. Ca. 1,2 Mio. Dienstverhältnisse werden in Österreich pro Jahr aufgelöst, 70 Prozent davon im ersten Dienstjahr. Falsche Erwartungen, enttäuschte Hoffnungen, unrealistische Vorstellungen, Einstiegsschock - alltägliche Bilder in österreichischen Unternehmen, wenn es um das Thema Unternehmenswechsel und Einstieg von MitarbeiterInnen geht.

Der Stellenwert des Gehalts
In vielen Fällen beruhen die Missverständnisse auf (gewollten?) Kommunikations- defiziten und einer allzu starren Konzentration auf das Thema Gehalt und dessen Höhe als alleinigen Wertmaßstab. Wie bei privaten Partnerschaften kommt allzu bald die Frage: Was bleibt, wenn die Liebe geht und der (Unternehmens)Alltag um sich greift? Gehalt ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Eigenantriebs.

Gehalt ermöglicht uns materielle und Schutzbedürfnisse zu befriedigen - übrigens nur Basiskategorien menschlicher Motivation - und hilft jedem Menschen ohne komplexe Interpretationen über direkte soziale Vergleiche seinen Status und Rang in der Gesellschaft zu bestimmen.

Es verwundert daher niemanden, dass der Großteil der Dienstvertragsverhandlungen sich um diesen zentralen Punkt dreht (bei Männern ist natürlich auch noch die Ausstattung des künftigen Dienstwagens ein beliebtes Thema). Dieser zeitliche Fokus auf das Gehalt steht häufig im krassen Gegensatz zum zeitlichen Aufwand, der für weiterführende Vereinbarungen verwendet wird bzw. das Informationsbedürfnis des Bewerbers betreffen sollte.

Bonussysteme, Fringe Benefits, All in Vereinbarungen, Abfertigunsgklauseln ...
Ein Dienstvertrag kann als ein Leistungsangebot eines Unternehmens an einen Bewerber im Sinne einer Austauschrelation verstanden werden. Den neben dem Gehalt zu treffenden Hard Facts - Vereinbarungen im Sinne eines Gesamtpackages wie Bonussysteme, Fringe Benefits, All in Vereinbarungen, Abfertigunsgklauseln usw. - wird aufgrund der Komplexität zu geringe Beachtung geschenkt.

Zu wenig Gesprächszeit für das Geld
Nicht alle Verhandlungspartner spielen mit offenen Karten. Sehr zum Leidwesen des neuen Mitarbeiters, dem erst nach und nach dämmert, was das Unterschriebene in der Praxis bedeutet. Ähnlich ist es bei den Soft Facts: Betrachten wir einen Standardbewerbungsprozess für eine Position im mittleren Management, so verbleiben dem Bewerber nach der Lebenslaufanalyse, den üblichen und unüblichen Standardfragen im Durchschnitt geschätzte 30 Nettominuten, um sich ein allumfassendes Bild des künftigen Unternehmens zu machen. Für durchschnittlich 15 Überstunden pro Woche und 1600 Normalarbeitsstunden, die der Bewerber ab Eintritt pro Jahr leisten wird, in Relation eigentlich wenig.

Macht Geld blind?
In das Spiel der formellen Faktoren, die auf die Gehaltshöhe wirken, mischen nur allzu oft auch unbewusste, informelle Faktoren mit: Ein hohes Gehalt in einer Branche kann hohes Risiko (Bsp. new economy) bedeuten - nach dem Kick kommt der Kater. Versteckte Aufträge an den Bewerber (z.B. das Chaos eines anderen auszulöffeln) oder Sonderaufträge (z.B. jemanden abzusägen) werden erst nach Neueintritt erkannt; das hohe Schmerzensgeld erfüllt seine (Binde)Wirkung. Gehaltsbestimmung folgt nicht nur rationalen Motiven.

Offenheit von Anfang an ...
Partnerschaften halten länger und sind für beide Partner befriedigender, wenn zu Beginn Offenheit herrscht. Wie ist die Unternehmenssituation tatsächlich? Wie ist das Unternehmen strukturiert? Wohin geht die Reise? Gibt es klare Visionen und Ziele? Wie viele Opfer fordert das ach so tolle Betriebsklima denn wirklich pro Jahr? Was sind die Erwartungen der KollegInnen? Worin besteht mein Auftrag konkret? Wo werden meine Kompetenzen liegen? usw. Fragen, die nichts mit dem Gehalt zu tun haben, sondern mit den so wesentlichen Bestimmungsgründen für längerfristige Zufriedenheit im Job. Sie liefern Antworten zum Inhalt der Tätigkeit und nicht nur zum Kontext. Diese Fragen nicht zu stellen heißt auch, mögliche Mogelpackungen zu akzeptieren, um vielleicht auch ein wenig die eigene Dissonanz zu reduzieren. In diesen Fällen wird Gehalt sehr oft einen hohen Anteil an Schmerzensgeld beinhalten.  

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